Deutschland droht den Anschluss bei KI- und Software-Standards zu verlieren
Lina SeidelDeutschland droht den Anschluss bei KI- und Software-Standards zu verlieren
Europa und Deutschland hinken bei der globalen Standardisierung hinterher – besonders in den Bereichen Software und künstliche Intelligenz. Diese Standards bestimmen, wie Märkte funktionieren, und wer sie setzt, verfügt über erheblichen Einfluss. Ohne stärkeres Engagement riskiert Deutschland, seine Wettbewerbsfähigkeit in zukunftsweisenden Technologien zu verlieren.
Die Europäische Kommission betrachtet Standardisierung mittlerweile sowohl als wirtschaftspolitisches Instrument als auch als Mittel zur Durchsetzung von Regularien. Deutschland hat bereits erste Schritte unternommen, etwa durch die Führung europäischer Initiativen wie dem EU KI-Gesetz (EU AI Act), das im August 2026 in Kraft tritt. Dieses Gesetz konzentriert sich auf Risikomanagement und das Prinzip "Security by Design" – ein anderer Ansatz als in den USA, wo freiwillige, von der Industrie getragene Standards dominieren, unterstützt von Unternehmen wie Microsoft und der Cloud Native Computing Foundation (CNCF).
Ein Beispiel für Deutschlands Vorstoß ist das DKE-IDiS-Plenum, das KI-basierte Software-Standards entwickelt, um sie an die digitale Wirtschaft anzupassen. Die Industrie zeigt hier hohe Akzeptanz: Laut Bitkom nutzen bereits 41 Prozent der Unternehmen KI, und 77 Prozent verzeichnen Wettbewerbsvorteile. Pilotprojekte in der Fertigungsindustrie werden über Plattformen wie AWS Bedrock und Azure AI hochskaliert. Dennoch fürchten trotz der hohen Relevanz – 82 Prozent der Unternehmen halten KI für entscheidend – viele, den Anschluss an die KI-Revolution zu verpassen – ein Phänomen, das als "deutsches Paradox" bezeichnet wird.
Achim Berg, Präsident des Bitkom, befürwortet die EU-Strategie zur wirtschaftlichen Standardisierung. Um die Position zu stärken, wird die Bundesregierung aufgefordert, eng mit der Industrie an einem nationalen Standardisierungsplan zusammenzuarbeiten. Zu den Vorschlägen gehören die Erstattung von Kosten für Unternehmen, deren Mitarbeiter an Standardisierungsarbeit mitwirken, sowie die Anerkennung solcher Ausgaben als förderfähige Forschungsinvestitionen.
Deutschlands digitale Wirtschaft muss eine aktivere Rolle bei der Gestaltung globaler Standards übernehmen, um Innovation und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Durch die Abstimmung von Politik, Förderung und industriellem Engagement strebt das Land an, seinen Einfluss auf aufstrebende Technologien zu wahren. Der Erfolg dieser Maßnahmen wird darüber entscheiden, welche Rolle Deutschland künftig in der internationalen Standardisierung spielt.






