Wiens umstrittene Kolonial-Murals: Abriss oder kritische Aufarbeitung?
Emil LangeWiens umstrittene Kolonial-Murals: Abriss oder kritische Aufarbeitung?
Ein Universitätsgebäude in Wien, das seit 45 Jahren steht, soll fast vollständig abgerissen werden. In seinem Inneren prangen sechs monumentale Wandgemälde – jedes acht mal acht Meter groß –, die die Kontinente in einem Stil darstellen, der heute kritisch hinterfragt wird. Der Künstler dahinter, Leherb, arbeitete zwölf Jahre an den Werken, bevor er an den giftigen Materialien starb, die er verwendete.
Das Schicksal dieser Murals hat eine Debatte ausgelöst. Statt sie zu entfernen, sollen sie nun in einen kritischen Kontext gerückt werden. Kritiker werfen ihnen vor, die grausamen Realitäten des Kolonialismus zu ignorieren, während andere fragen, wie ein derart umstrittenes Projekt überhaupt in Auftrag gegeben werden konnte.
1980 beauftragte die Universität Leherb mit der Gestaltung der Kontinenten-Murals. Die Wahl war ungewöhnlich: Ein proletarischer Künstler, bekannt eher für unterhaltsame als für tiefgründig kritische Werke. Seine zwölfjährige Arbeit hinterließ ein toxisches Erbe – er starb an den gesundheitsschädlichen Materialien, mit denen er hantierte.
Die Murals stehen seit Langem in der Kritik. Professor Christian Kravagna, Leiter des Instituts für Postkoloniale Studien, bezeichnet sie als eurozentrisch und blind für koloniale Gewalt. Doch trotz Untersuchungen blieb unklar, wer den Großauftrag überhaupt genehmigt hatte.
Nun, da der Abriss des Gebäudes bevorsteht, zeichnet sich eine Lösung ab: Transparente Tafeln mit kritischen Kommentaren sollen angebracht werden – ähnlich wie bei den provokanten Werken von Kara Walker. Ziel ist es, die Murals neu zu rahmen, nicht zu tilgen. Doch einige zweifeln, ob dieser Ansatz ausreicht.
Wiens "woke"-Bewegung hat solche Kontroversen bisher behutsam navigiert. Linke Stimmen, die sich zu anderen Themen oft lautstark äußern, schweigen hier weitgehend. Die Debatte kreist nun um die Frage, ob eine Kontextualisierung die Mängel der Murals wirklich aufarbeiten kann – oder ob ihre Entfernung nicht die deutlichere Botschaft wäre.
Die Murals bleiben erhalten, aber nicht unverändert. Transparente Panels werden kritische Ebenen hinzufügen und die Betrachter zwingen, sich mit dem auseinanderzusetzen, was die Originalwerke ausblenden. Angesichts des drohenden Abrisses setzt die Entscheidung der Universität ein Zeichen: Umstrittene Kunst darf bleiben – aber nur, wenn ihr Kontext unübersehbar wird.
Offen bleibt die Frage, wie ein derart spaltendes Projekt überhaupt den Weg in die Umsetzung fand – und warum es Jahrzehnte dauerte, bis es infrage gestellt wurde.






