Völkermord an den Armeniern: Wie Familiengeschichten und Gedenkstätten das Erbe bewahren
Hannah RichterVölkermord an den Armeniern: Wie Familiengeschichten und Gedenkstätten das Erbe bewahren
Ein Jahrhundert nach dem Völkermord an den Armeniern prägt dessen Erbe weiterhin das Leben und die Gedenkstätten weltweit. Erst im vergangenen Jahr entdeckte Ani Petrosyan die erschütternde Fluchtgeschichte ihrer Familie vor den Massakern – ein Martyrium, das Angehörige das Leben kostete und Überlebende zu einem verzweifelten 400-Kilometer-Marsch zwang. Unterdessen hielten jüngste Zeremonien und kulturelle Veranstaltungen in Berlin das Gedenken an den Völkermord wach und ehrten die Opfer sowie ihre Nachkommen.
Der Völkermord an den Armeniern, während des Ersten Weltkriegs vom Osmanischen Reich verübt, war geprägt von massenhaften Deportationen und Tötungen. Deutschland, damals Verbündeter der Osmanen, spielte eine umstrittene Rolle, indem es Funktionären, die an den Gräueltaten beteiligt waren, Zuflucht gewährte. Jahrzehnte später, im Jahr 2016, erkannte der Deutsche Bundestag die Ereignisse offiziell als Völkermord an und würdigte damit die systematische Ermordung von Christen in der Region.
Ani Petrosyan erfuhr erst vor einem Jahr von der Überlebensgeschichte ihrer Familie. Ihre Vorfahren flohen Hundert Kilometer zu Fuß, bevor sie einen lebensgefährlichen Flussübergang wagten. Mehrere Angehörige ertranken dabei. Diejenigen, die es schafften, ließen sich in einem multikulturellen Dorf in Armenien nieder, wo Petrosyans Familie ihr Leben neu aufbaute.
In Berlin fanden im April dieses Jahres Gedenkveranstaltungen statt. Die Armenische Jugend Berlin-Brandenburg (AJBB) organisierte eine Gedenkfeier am armenischen Chatschkar, einem traditionellen, kunstvoll gemeißelten Steinkreuz. Über 50 Menschen nahmen teil – weit mehr als die erwarteten 15 bis 20 – und legten anschließend einen Kranz nieder. Die Veranstaltung erinnerte auch an die Vertreibung der Armenier aus Artsach im Jahr 2023, ein Konflikt, der die historischen Traumata des Völkermords widerhallt.
Das Gorki-Theater trug mit einer Inszenierung von Spende zum Gedenken bei, einem Stück, das den Völkermord mit modernen Vertreibungen verbindet. Im Haus der Kulturen der Welt wurde zudem ein Teil des Gartens nach Mari Beylerian benannt, einer armenischen Feministin, die 1915 verhaftet und vermutlich ermordet wurde. Diese Initiativen sorgen dafür, dass die Geschichten der Überlebenden und Opfer nicht in Vergessenheit geraten.
Die Folgen des Völkermords an den Armeniern wirken in persönlichen Schicksalen wie dem von Petrosyan nach – und in öffentlichen Akten des Gedenkens. Von Theaterproduktionen bis hin zu Gartendenkmälern setzen sich die Bemühungen fort, die Toten zu ehren und künftige Generationen aufzuklären. Die Anerkennung durch den Bundestag und die fortlaufenden Gedenkveranstaltungen zeigen das Bestreben, dieses dunkle Kapitel der Geschichte nicht zu verdrängen.






