Popkultur als Sündenbock: Warum Forscher die Gewaltdebatte neu entfachen
Emil LangePopkultur als Sündenbock: Warum Forscher die Gewaltdebatte neu entfachen
Ein 2023 erschienenes Buch portugiesischer Forscher stellt die weitverbreitete Annahme infrage, dass gewalttätige Straftaten auf den Einfluss der Popkultur zurückzuführen sind. "Wie man Banditen tötet und andere virale Videos" (Originaltitel: Como Matar Bandidos e Outros Vídeos Virais), verfasst von Miguel Góis, José Diogo Quintela und Ricardo Araújo Pereira, argumentiert, dass solche Zusammenhänge von Medien oft übertrieben dargestellt werden. Stattdessen betonen die Autoren tiefgreifende sozioökonomische Probleme als die eigentlichen Treiber von Gewalt.
Das Buch untersucht mehrere viel diskutierte Fälle, in denen die Popkultur fälschlicherweise für Gewalttaten verantwortlich gemacht wurde. Ein Beispiel ist der "Momo-Challenge"-Schwindel von 2019, bei dem ein virales Video irrtümlich mit Kinderselbstmorden in Verbindung gebracht wurde, bevor die Behauptung widerlegt wurde. Ein weiterer Fall betrifft gewaltbereite Bandenkonflikte in Portugal, bei denen Rap-Texte – insbesondere der "Lisbon Trap" – ohne stichhaltige Beweise der Gewaltverherrlichung bezichtigt wurden.
Die Autoren setzen sich auch mit dem Überfall auf Benfica-Fußballspieler 2022 in Alcochete auseinander. Medien spekulierten damals über einen möglichen Einfluss gewalthaltiger Videospiele – doch nie gab es Belege für diese These. Göis, Quintela und Pereira zeigen in ihrer Analyse auf, dass Armut und soziale Ungleichheit weitaus entscheidendere Faktoren für Kriminalität sind als Musik, Videos oder Spiele.
Ihre Kritik richtet sich zudem gegen die mediale Dramatisierung solcher Zusammenhänge. Mit selbstbewusstem Ton hinterfragen sie, warum die Popkultur immer wieder als bequemer Sündenbock herhalten muss, während grundlegendere gesellschaftliche Missstände ignoriert werden.
Die Studie vertritt eine klare Position: Gewaltkriminalität entsteht nicht durch Popkultur, sondern durch systemische Probleme. Anhand von Fällen wie dem "Momo"-Hype oder dem Angriff in Alcochete legen die Autoren offen, wie Medien komplexe Themen oft vereinfachen. Ihre Erkenntnisse unterstreichen die Notwendigkeit einer differenzierteren Debatte über die Ursachen von Gewalt.






